Textproben

Texte

2011 für Deborah Phillips-Lesung zum Hermannstraßenabend,Rollbergatelier/„Folge mir!“
2014 freier Text „Heimkehr“

Neujahr, Blick in eine Kaufhalle

Folge Mir!

Eine Freundin aus Kanada hat mich gebeten, ein Zimmer für Sie anzusehen. Sie schickt mir den Link zum Blog: „Recht hübsches Appartement, sucht Mitbewohnerin (Berlin) Euro 295
Ich suche nach einer Mitbewohnerin, die mit mir in einem schönen großen Appartement wohnen möchte. Der Raum ist ab dem 15. Mai frei. Das Bad ist groß und hat eine Dusche und eine Badewanne, die genauso wie die Küche von uns beiden genutzt werden kann. Dein Raum hätte 24 qm und Sonne. Ich nehme keine Drogen und möchte nicht, dass es andere in der Wohnung tun, abgesehen davon trinke und rauche ich gern. Die Wohnung ist sehr zentral an der Hermannstraße gelegen, 5 Minuten von der U-Bahn entfernt. Vegetarier sind o.k., aber ich esse Fleisch. Ich liebe Tanzen, und DVDs, Bücher, Schuhe und Kochen kann ich recht gut. In der Miete ist eine Internet- und Telefon-Flatrate enthalten. Wenn dir das gefällt, dann zögere nicht, mich zu kontaktieren. Mit besten Wünschen, Paul.“ Klingt doch gut. Trinken, Rauchen, Tanzen und Essen finde ich auch super! Also mache ich einen Termin für die Hermannstraße.

U8: Ein pummeliger Teenager wühlt in einem großen Karton zwischen seinen gespreizten Beinen, sein Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt. „Ich U-Bahn…. eBay-Kleinanzeigen.. nich ..geschenkt.. eBay-Kleinanzeigen.“ Stopp. Ein drahtiger Mann, in seinen mittleren Jahren, schiebt seinen etwa 6-jährigen Sohn in den Wagen. Das Kind ist offensichtlich hyperaktiv und trägt eine dicke Brille. „Junge ist das voll Hier, halt dich da fest.“ Der Junge will sich aber nicht festhalten, der Junge will lieber Luftgitarre spielen. Es sieht verdächtig nach E-Gitarre aus. Jedenfalls brummt er dazu, zuckt mit dem linken Knie und quetscht Töne aus sich heraus: heel, heel, heel. Speichel läuft an seinem Mundwinkel herunter. „Halt dich fest, Junge“ Heel, heel, heel. Stopp! U-Bahnhof Hermannstraße: Ein scharfer Geruch aus Urin und Sprit schlägt mir entgegen, als sich die Tür öffnet. Zwei Männer sitzen auf der Bank und prosten sich mit Pilsator zu. Ein Typ mit tief über die Augen gezogener Kapuze, tritt von einem Bein auf das andere, bückt sich dann über den Abfalleimer und wühlt eine verschmierte Pfandflasche heraus. Ich trolle die Rolltreppe hinauf und in Gedanke schon scharf nach links, aber da wird mein Schritt durch eine Lache aus Kaffee mit Milch ausgebremst. Vorbei an den Wegweisern zum alten Schutzraum, die Stufen hinauf auf die Hermannstraße. Vorbei an einem mit gestapelten Kartons vollgestopften Trödler. Vorbei an einer zuckerdurchtränkten Auslage einer türkischen Bäckerei. Vorbei an von Plüschtier-Kadavern eingerahmten Flatscreens in einem Restpostenmarkt. Vorbei an „Pupser“, Mode für moderne Kinder. Vorbei. Nein! Vor einer niedrigen, mit Wildem Wein überwachsenen Baracke bleibe ich stehen. In den zwei Schaufenstern hängen Girlanden und Plastikmasken. Ich trete näher an die Glasscheibe heran.

In der Auslage tummeln sich die Klassiker eines Scherzartikel-Jahrhunderts. Kleine Kunststoff-Insekten, die sich durch einen Magnet über eine Spiegelscheibe bewegen und eine auf dem Rücken liegende echt tote Fliege umzappeln. Brillen mit fetten Lupengläsern, die jedem Mitte-Nerd vor Neid die Tränen ins Gesicht treiben würden. Plastikkothaufen in unterschiedlichsten Größen und Braunvariationen, aus einem ragt ein Kugelschreiber empor. Kotzi aus Kunststoff kostet auch 3,90 Euro. Vor einem unscheinbaren Becher mit grünem Inhalt steht auf einem Papierschild: Slime mit Maden oder Körperteilen. Damals, als ich zum Studieren nach Berlin gekommen bin, und mit den Nachwuchs-Filmemachern rumlungerte, war dies für einige eine extrem heiße Adresse für Requisiten. Ich erinnere mich, wie mich F., der angefangen hatte, Drehbücher für einen Horrorfilmer zu schreiben, für Besorgungen hierher entführt hat. Mit einer Tüte voll Hammelaugen, die wir vorher bei einem türkischen Metzger abgeholt hatten, waren wir hier angekommen, um Blutkapseln zu kaufen. Ich muss da rein, in den „Zauberkönig“.

Seit 1884 steht auf dem Schild in Grell-gelb auf braunem Grund. F. erzählte mir, dass er bei einer Recherche zufällig auf einen alten Zauberkünstler getroffen war, der den „Zauberkönig“ noch in seiner glanzvollen Zeit in der Friedrichstraße 54 kennengelernt hatte. Um 1900 pulsierte rund um diese Adresse das Berliner Nachtleben. Varietés, wie der legendäre Wintergarten, säumten die Friedrichstraße und lockten mit ihrem Programm aus Tanz, Akrobatik und natürlich Zauberkunststücken. Magier und Illusionisten aus aller Welt besuchten die Hauptstadt und trafen sich oft nach der Vorstellung noch auf der kleinen Probebühne des Zauberkönigs. Als Kind hatte er sich die Nase am Fenster des Ladens platt gedrückt, um all die Wunderdinge zu erspähen. Irgendwann hatte er sich hineingetraut und mit offenem Mund umgeschaut. Ein schmaler Raum mit hohen Regalen an den Wänden und einem langen dunklen Tresen. In den Regalen Stapel von glitzernden Kostümen, bunten Hüten und bizarren Masken. Hinter dem Tresen in grauen Schachteln, falsche Zähne, Brillen mit Fensterglas, Nasen aus Gummi und Knallkörper. Ich trete durch die Tür, hole tief Luft. Sie schmeckt nach Staub. Girlanden und Leinen kreuzen sich an der Decke, von denen Papierlaternen, Plastikmasken und Hüte baumeln. Der Raum ist nicht groß. Ein umlaufender Glastresen steht vor Regalen voller Boxen und Schachteln. Das Glas ist staubig wie die Luft. Auf manchen Verpackungen prangen einfache Zeichnungen wie aus den 20 Jahren. Auf der vor mir, ein Kellner, der versucht einen schwankenden Stapel Teller zu balancieren. Daneben liegen Tüten aus transparentem Papier mit Juckpulver und Stinkbomben. Das Vampirgebiss soll im Dunkeln leuchten und da finde ich auch die Blutkapseln wieder, von denen F. mindestens ein Dutzend gekauft hatte. Eine hatte ich ausprobiert und mein Gaumen erinnert sich plötzlich an den merkwürdigen Geschmack. Da hinten scheinen noch Räume zu sein, aber ich kann nur ein Stück von einer roten Wand sehen.

Die Besitzerin des alten Zauberkönigs in der Friedrichstraße erkannte die ernsthafte Begeisterung des Jungen für die Zauberkunst. Sie zeigte ihm die ersten Tricks mit Karten und spornte ihn an. Irgendwann durfte er dann einen Blick auf die verborgen Schätze werfen, die Zauberapparate und -requisiten, die der „Zauberkönig“ in Kommission anderer Magier verkaufte. Er erinnerte sich an große Koffer, mit Spiegeln und doppelten Böden. Filigrane Zauberstäbe aus dem Nachlass eines großen Magiers. Ein Spiegelkabinett, bei dem sich das Silber schon an einigen Stellen vom Glas löste. Auch an dem Plexiglasturm, der mit Faschingsschmuck und auffaltbaren Papierblumen befüllt ist, löst sich das Silber. Daneben hängen Handschellen an der Wand, ein Paar sogar mit rosa Plüsch. Neben den Zauberapparaten lagen in einer Ecke ein Haufen von Handschellen, Schlössern und Ketten. An einem Nagel in der Wand hing ein Bündel mit Dietrichen. Diese seien noch von Houdini, erklärte Frau Schmidt dem damals jungen Magier. Houdini hatte sie bei seinen Entfesselungstricks in allen möglichen Körperöffnungen versteckt oder seine Frau hatte ihm geholfen. In Russland schob sie ihm mit einem Kuss das Werkzeug in den Mund.

Die Türglocke scheppert und ein Junge zieht seine Mutter in den Ladenraum. Aus dem Hinterzimmer mit den roten Wänden tritt eine Frau in ihren späten 50 Jahren und stützt sich entspannt auf den Tresen. Sie beäugt erst mich und dann die kleine Familie. Der Junge zeigt begeistert auf ein Plastik-Laserschwert und brabbelt etwas vor sich hin, während seine Mutter nur mit dem Kopf schüttelt. Ich versuche mir die Frau hinter dem Tresen bei einer Séance in einer „Dunkelsitzung“ neben Houdini vorzustellen, bei der dieser seine ersten Entfesslungstricks von betrügerischen Geisterbeschwörern abgeguckt hatte. Scheinbar festgezurrt an dem Stuhl hatte das Medium versucht zu beweisen, dass es nicht klopfte oder die Glocke schlug. Bis zur Kleidung komme ich noch, dann zappelt etwas auf dem Boden herum und brüllt. Der Junge will das Laserschwert. Ich habe dafür volles Verständnis, Houdini hätte bestimmt ein Laserschwert gewollt und war auch Choleriker. Die Frau hinter dem Tresen verzieht keine Miene. Erst als die Mutter sie nach einem Zauberkasten für ihren Sohn fragt, verfinstert sich ihr Gesicht „Zauberkästen erst ab 8 Jahren. Vorher verquatschen die sich und verraten jeden Trick. Jünger als 8 Jahre hat absolut keinen Zweck, um nicht zu sagen, wird eine Katastrophe. Vielleicht ein Pups-Kissen? Da haben die Kleinen Freude dran.“ Gerade wollte ich widersprechen, dass Houdini schon erheblich älter als acht Jahre war, als er in seinem Buch die Tricks von Fakiren, Feuerspuckern, Schwertschluckern, Kraftartisten und Dompteuren aus seiner frühen Artistenzeit verpetzte, als der Junge „Stinkbombe!“ durch den Raum kreischt. Die Mutter gibt nach und Frau Schmidt fingert ein Tütchen aus Pergamentpapier aus der Auslage. „Aber nicht bei den Nachbarn ´reinschmeißen! Das gibt Ärger!“ Mein Telefon klingelt, Paul, die Wohnungsbesichtigung. In der Berliner Eckkneipe, an der ich nach Pauls Wegbeschreibung links abbiegen soll, sitzt ein Mann am Tresen auf einem Barhocker. Er hebt sein Bierglas zum Kopf, legt diesen in den Nacken und kippt langsam, mit samt dem Hocker, nach hinten. Na dann, Prost Hermannstraße! Trinken, Rauchen, Tanzen!

Miramar

Heimkehr

Hätte Ann gewusst, was sie bei ihrer Rückkehr erwartet, hätte sie den Schwur nicht gebrochen, nie wieder einen Fuß auf die Insel zu setzten. Das Angebot war jedoch zu verlockend gewesen. Sie sollte die Leitung für ein Bauprojekt in Westerland übernehmen. Ein reicher Investor aus Hamburg brauchte einen Alterssitz auf der Insel und Geld spielte keine Rolle. Sie war die Pläne mit ihm gestern noch einmal durchgegangen und es war spät geworden. Der Zug hatte gerade Niebüll erreicht. Sie glaubte, das Meer schon zu riechen. Ihr Telefon vibrierte in ihrer Jackentasche und sie zupfte es umständlich heraus. Es war der Architekt. Das Rattern des Zuges wurde lauter. Die Wagen waren auf dem Damm. Es gäbe eine Änderung im Plan, sagte er. Er hätte auf alten Karten gestern in der Nacht noch etwas entdeckt. Er würde ihr ein Fax ins Hotel schicken. Das Wattenmeer lag nun weit ausgebreitet vor ihr. Es war Ebbe und die Sonne spiegelte sich in einigen kleinen Lachen von Salzwasser zwischen den Holzpfählen. Eine Seemöwe hatte Beute erspäht und stürzte sich gierig aus der Höhe darauf. Zwei unruhige Kinder auf den Nachbarsitzen drückten ihre Nasen am Fensterglas platt. Jetzt erreichte der Zug die ersten Meter der Inselzunge. Die Wiesen waren noch grün und kleine Gruppen von Pferden grasten friedlich. Vieles kam ihr fremd und neu vor. Es war alles so eng bebaut. So anders als sie es in ihrer Erinnerung hatte. Langsam rollte der Zug im Bahnhof von Westerland ein.

Anns Rollkoffer hoppelte über die Steine der Friedrichstraße. Sie erinnerte sich an das Gefühl, als ihre Mutter sie am Handgelenk von den Geschäften wegzog. Sie hatte eine einfache Stelle als Hauswirtschaftlerin eines pensionierten Professors und nur ein kleines Gehalt, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Ein Softeis an der Promenade war das luxuriöse Sonntagsvergnügen. Hier folgte eine Markenboutique der anderen, dazwischen teure Cafés und natürlich der Gosch, mit den üblichen Touristen. Sie hatte ein Zimmer im Miramar gebucht, natürlich auf Kosten des Auftraggebers. Damals hätte sie im Traum nicht daran gedacht, dass sie jemals in diesem Luxushotel am Meer übernachten würde. Als Kind war sie manchmal mit ihrer Mutter zur Konzertmuschel gegangen. Mutter hatte ihr bestes Kostüm angezogen und einen tiefroten Lippenstift aufgelegt. Während die Kapelle spielte, durfte Ann in Sichtweite am Strand im Sand spielen. Ihre Mutter saß immer am selben Platz, in der Nähe zur Treppe hinunter zum Strand. Da wo sie Ann nicht aus den Augen verlieren konnte. Ann baute Burgen mit Zinnen, Gräben und Muschelgärten. Blickte sie hoch, sah sie auf die Schnörkel und Fenster der Hotels. Sie hatte ihre Mutter gefragt, was da stand und sie sagte, Miramar.

Jan hatte seine Freunde zu einem Inselausflug eingeladen. Alles ehemalige Insulaner, die lukrativ ihre Häuser an Touristen verkauft hatten. Nun lungerten sie bei Gosch rum, schlürften Austern und waren schon bei der zweiten Flasche Weißwein. Als sie heute früh mit dem Zug auf die Insel fuhren, war dieser voll von ehemaligen Insulanern auf dem Weg zur Arbeit. Sie selbst waren keine Pendler, die sich ihr Brot in ihrer einstigen Heimat verdienen mussten, aber auch ihnen war die Sehnsucht geblieben, zurück in die Zeit auf Sylt zu schlüpfen. Jan hatte die Frau in ihrem grauen Business-Kostüm mit ihrem Rollkoffer zu spät gesehen. Er streifte sie leicht an der Schulter und blieb dann schaudernd stehen. Er blickte ihr nach.

Ann wurde an der Rezeption bereits erwartet. Rasch hatte sie unterschrieben, ihre Schlüsselkarte eingesteckt. Das Fax war das, was sie jetzt am Meisten interessierte. Ein Page hatte sich ihres Gepäcks angenommen und sie blätterte schon im Gehen durch die Seiten. Der Architekt hatte noch einen älteren Plan des Hauses zugeschickt bekommen. Handschriftlich hatte er dazu geschrieben, dass wohl eine Sachbearbeiterin krank gewesen war. In den Plänen war zu erkennen, dass das Fundament auf dem das Haus errichtet wurde, aus sehr alten Findlingen bestand, ähnlich denen, wie sie bei Hünengräbern verwendet wurden. Falls es sich wirklich um Bestandteile eines Hünengrabs handeln würde, könnten sie ein Problem bekommen. Sie steckte dem Pagen ein Trinkgeld zu und schloss die Tür. Die Papiere landeten auf einem kleinen Schreibtisch und sie öffnete die Fenster. Das Meer. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Die Steine würden kein wirkliches Problem sein. Es war üblich, damals die Steine von den Hünengräbern für ein Fundament zu verwenden. Morgen hatte sie sowieso einen Termin mit der Bürgermeisterin. Sie würde versuchen, es auf dem kleinen Dienstweg zu klären.

Ann hatte sich ein Sandwich und einen Kaffee aufs Zimmer bestellt und wollte danach zum Baugrund fahren. Sie hatte sich an den kleinen Tisch am Fenster gesetzt und konnte über die Promenade auf den Strand und das Meer blicken. Das Klingeln des Telefons auf dem Schreibtisch riss sie aus ihren Gedanken. Das Taxi war da.
Als der Wagen durch die schmalen Straßen von Westerland rollte, bestätigte sich ihr erster Eindruck noch mehr. Die Insel schien nur noch aus Pensionen, Hotels und Ferienwohnungen zu bestehen. Auf jedem geringsten Grund stand ein Gebäude und an fast jedem Haus stand ein Schild „Zimmer zu vermieten“ oder war ein kleiner Kasten mit Fotos und Informationen angebracht. Natürlich hatte sie immer wieder in Zeitungen über die Entwicklungen auf der Insel gelesen, aber es jetzt mit eigenen Augen zu sehen, war ihr unheimlich. Nun war das Grundstück erreicht. Es war ein beeindruckendes Anwesen mit einem freien Blick auf die Wiesen des Rantumer Beckens. Das Dach des alten Friesenhauses war in keinem besonders guten Zustand. Auf dem Weg zum Haus stolperte sie beinahe über ein Stück Seil. Verwundert nahm sie es mit spitzen Fingern vom Boden auf. Es war ein gewöhnliches Seil, was sie von den Fischern kannte, und es hatte viele Knoten. Wahrscheinlich hatten es spielende Kinder hier liegen lassen. Die Tür knarrte als sie sie aufschob und unwillkürlich schlug ihr der so typische Geruch der alten Gemäuer entgegen. Die Decken waren sehr niedrig und durch die kleinen Fenster fiel kaum Licht. Sie konnte noch die Schatten der Möbel des Vorbesitzers an den Wänden erkennen. Aber das sollte ja eh alles raus. Das innere Skelett des Hauses sollte komplett freigelegt werden. Der Bauherr wünschte sich hohe, lichte Räume. Sorgen machte ihr hierbei noch der Dachstuhl. Es klatschte zu ihren Füßen. Sie war in eine Pfütze getreten. Prüfend kontrollierte sie die Decke, aber die war staubtrocken. Zwar war die Lache in der Nähe der ehemaligen Küche, aber die Wasseranschlüsse und Abflussrohre waren sauber ab geklebt. Ihre Taschenlampe hatte sie im Hotelzimmer vergessen, daher hatte es wenig Sinn in der oberen Etage das Dach zu prüfen. Sie öffnete die Hintertür zum Garten. Die Weite der Rantumer Wiesen und der blaue Herbsthimmel überwältigten sie. Sie atmete tief ein. Der Geruch vom Meer vermischte sich mit dem der feuchten Erde. Sie konnte die Wellen ans Land schlagen hören. Gerade in diesem Moment, als sie in den Strudel ihrer Erinnerungen geriet, klingelte schon wieder ihr Telefon. Sie fingerte es aus ihrer Tasche und dreht sich dabei um. Über die gesamte weiße Rückwand des Hauses hatte jemand mit roter Farbe „Sylt den Syltern“ gesprüht.

Die Sonne setzte bereits an, im Meer zu verschwinden, als sie am Miramar ankam. Sie musste im Haus die Zeit vergessen haben und war am Strand zurückgelaufen. Auf ihrem Zimmer überfiel sie plötzlich eine unendliche Schwere. Ihre Kleider fielen auf den Boden und sie ließ sich aufs Bett fallen. Ihr Schlaf war unruhig. Verschwommene Bilder aus ihrer Kindheit vermischten sich mit Schemen des alten Hauses. Alles war in einen Nebel gehüllt, der vom Meer über die Dünen zog. Ein Schatten zeichnete sich ab. Sie fühlte sich beobachtet, dreht sich um und da.. Schweißgebadet schreckte aus ihrem Traum hoch. Es war schon hell draußen. Sie blinzelte zur Uhr und setzte sich auf die Bettkante. Etwas war merkwürdig an ihren Füßen. Es fühlte sich an, als würde sie in einer Wasserpfütze stehen. Vorsichtig blickte sie runter und wirklich, sie stand im Wasser. Automatisch drehte sie ihren Kopf zur Decke, aber es waren keine Wasserspuren zu sehen. Sie erschauderte und ließ sich zurück in die Kissen fallen. Vor der Balkontür bauschten sich die Vorhänge im Wind auf und sie hörte das Meer an den Strand schlagen. Der Schrei einer Möwe riss sie aus ihrer Starre.

Plötzlich fiel ihr der Termin mit der Bürgermeisterin wieder ein. Rasch sprang sie unter die Dusche und streifte sich ein Kleid über. Sie trafen sich in einem kleinen Besprechungsraum im Rathaus. Sie erkannten sich nicht gleich wieder, aber sie waren zusammen zur Schule gegangen. Sofort waren sie per Du. Ann erklärte mit lebhaften Gesten das geplante Bauprojekt und schilderte in den schillernden Farben und einem unendlichen Redefluss ihren Auftraggeber als warmherzigen Kunstliebhaber und Kulturförderer. Heike starrte auf Anns fuchtelnde Arme und unterbrach sie mit einem resoluten „Ann, was sind das da für Flecken an Deinem Handgelenk?“. Ann schaute verdutzt auf ihre Arme und wirklich, auf ihrem linken Arm zeichneten sich blaue Flecke ab, die aussahen, als wären sie von einer Hand. Heike zog die Pläne an sich, die auf dem Tisch ausgebreitet waren. Du weißt schon, dass das dort im Fundament Steine aus einem Hünengrab sind, fragte sie Ann. Da könnten wir ein Problem bekommen. Ann versuchte abzulenken. Heike zog eine Augenbraue hoch und lehnte sich demonstrativ in ihrem Stuhl zurück. Ob sich Ann wirklich nicht mehr erinnern könnte, an früher, an ihre Legenden und Überlieferungen? Ann fühlte für einen Moment eine Art Schwindel in sich hochsteigen. Kalter Schweiß perlte von ihren Schläfen herab und sie sah die Wasserlachen vor sich und sie hörte die Stimme ihrer Mutter, wie sie ihr von den Wiedergängern erzählte. Die Seelen der ertrunkenen Seeleute, die mit ihren Schiffen in den Fluten des Meeres versunken sind. In der Nacht besuchen sie ihre Ahnen und zupfen am Ärmel des Nachthemds oder griffen sie an das Handgelenk. Die Untoten, die eine Lache aus Salzwasser hinterlassen, wenn ihr Grund geschändet wird, die Gonger. Wie durch eine Wand aus Watte hörte Ann Heikes Worte: Ann, ich muss bei dem Bau mein Veto einlegen. Anns Arm schmerzte und mit dem immer lauter werdenden Pochen, kamen eine Erinnerung von gestern zurück. Nur Fragmente von Heikes Sätzen erreichten sie noch, als sie sich selber sah. Sie stand vor dem Haus und löste einen Knoten nach dem anderen aus dem Seil.

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